Der Studienkreis der Anthroposophie
und Sozialen Baukunst Rudolf Steiners
(Leitung: Sigurd Böhm)


Wer ist Sigurd Böhm?

Geboren 1923, besuchte der Knabe die Freie Waldorfschule Stuttgart bis zu deren Schließung durch die Nationalsozialisten im Jahre 1938. Er verweigerte sich stets der Zwangsmitgliedschaft in der Hitlerjugend. Mit einigen Lehrern der Freien Waldorfschule, die mit den Nazis zu kollaborieren schienen, brachte ihn dies in ernsten Konflikt. Im Gymnasium erhielt er wegen seiner HJ-Verweigerung jeden Samstag Rektoratsarrest und musste über seine Beweggründe Aufsätze schreiben. – 1942 wurde Böhm zum Kriegsdienst eingezogen und 1944 verwundet. Bei seinem Aufenthalt im Lazarett Winnenden wurde er Zeuge von Hinrichtungen in dem ebenfalls dort befindlichen Zwangsarbeitslager …

Als ‹Strandgut des Endsiegs› kam Sigurd Böhm 1944 nach Kempten. Bei seinen Wanderungen in der Umgebung war er auch in Albris, das ihn damals zu Landschafts-Zeichnungen inspirierte. Bei der Entnazifizierung werde er wegen der Angabe «Kein Mitglied der HJ» unter dem Vorwurf der Fragebogenfälschung inhaftiert. Die Richtigkeit der Angabe wurde aber durch einen Angehörigen des Militärgerichts, der Böhms Geschichte  aus erster Hand kannte, bestätigt. Er erwirkte von der Militärverwaltung die Genehmigung für den Betrieb einer freien Schulstube in einer Privatwohnung in Kempten durch Sigurd Böhm, wo dieser heimatlose streunende Kinder unterrichten konnte. Dieses Projekt endete mit der Wiederaufnahme des staatlichen Schulbetriebs.

Bereits 1938 hatte Böhm den Vorsatz gefasst, seine geliebte Freie Waldorfschule nach den ursprünglichen Ideen Rudolf Steiners, von denen manche Lehrer abgerückt waren, wieder möglich zu machen. Er begann zunächst ein Rundum-Studium in Mathematik und Naturwissenschaften, Philosophie, Geschichte, alten Sprachen und Theaterwissenschaft. Mitte der 50-er Jahre beschloss er, zur Finanzierung seines Schulgründungsplans ein eigenes Unternehmen aufzubauen. Er beschäftigte sich als technischer Autodidakt auch mit mechanischen Problemen und Rechengeräten. Böhm hatte die Idee, die endliche Skala der Rechenschiebers, die ein Durchschieben der Zunge bei der Skalen-Einstellung nötig machte, in eine unendliche, einen Kreis also, zu verwandeln. Skalenanfang und Skalenende liegen nun am gleichen Ort. Durch diese Erfindung wurde das Stab-Rechnen mittels der Böhmschen Rechenscheibe wesentlich vereinfacht. Böhm erfand eine spezielles Verfahren, Rechenscheiben aus Aluminium exakt zu zentrieren. Im Jahre 1959 konnte er sich mit Heimwerkern und einigen Angestellten selbständig machen, um seine ‹Norma-Rechenscheiben› herzustellen und europaweit zu vertreiben. (siehe den Online-Artikel: «Norma, ein Wirtschaftswunder» ) So konnte er das Ziel seiner Unternehmerschaft erreichen, finanziell unabhängig zu sein, um seine Arbeitskraft freizubekommen für die Gründung und Gestaltung einer Freien Waldorfschule nach seinem Ideal, der Ur-Waldorfschule in Stuttgart, wie sie von Rudolf Steiner selbst konzipiert wurde. Durch die Reisen, die sein erfolgreiches Unternehmen erforderten, hatte er die Möglichkeit, im deutschsprechenden  Mitteleuropa auch seine Idee einer ‹echten› Freien Waldorfschule interessierten Personen bekannt zu machen. Selbstverständlich blieb dies nicht ohne ablehnende Kritik von Seiten der Freien Waldorfschulen.

Zu Weihnachten 1959 trat er vor den treuen Hörern seiner Vorträge als Leiter des «Studienkreis der Anthroposophie und sozialen Baukunst Rudolf Steiners» hervor. 1974 war es dann soweit: Aus dem Studienkreis heraus wurde die Freie Schule Albris gegründet (damals als Freie Waldorfschule Kempten). In Kempten haben sich einige seiner ehemaligen Schulstubenkinder von 1945 für diese Schulinitiative öffentlich eingesetzt und die skeptischen Kemptner für Böhms Schulidee begeistert. Der Bund der Freien Waldorfschulen hat damals diese Gründung mit Bedenken akzeptiert. Nach der Eröffnung der Freie Waldorfschule Kempten 1981 kam es jedoch bald zum offenen Konflikt mit dem Bund über Grundlagenfragen.
Am Ende des Jahrhunderts wurde in der Freien Waldorfschule Kempten die Missbilligung des ‹vorauseilenden Gehorsams› des Bundes der Freien Waldorfschulen zur Anpassung an die staatlich-gesellschaftlichen Vorgaben ausgesprochen. Auf der Sommertagung des Studienkreises im Jahr 2000: «Rudolf Steiner in der Waldorfschule – die Leiche im Keller» nahm Böhm zu den Zuständen im Bund öffentlich unverblümt Stellung.

Ein Jahr zuvor war der Entschluss gefallen, die Freie Waldorfschule Kempten in Albris anzusiedeln. Das Projekt Albris war geboren. Die Allgäuer Landschaft und die Freie Schule sollen sich dort auf eine ganz neue Art begegnen und einander ergänzen.

Im Jahre 2007 änderte die Freie Waldorfschule Kempten ihren Namen in «Freie Schule Albris in der Erziehungskunst Rudolf Steiners», um Missverständnisse abzubauen und Verwechslungen mit den Freien Waldorfschulen zu verhindern.

Es ging und geht Sigurd Böhm in seiner Arbeit mit dem Kollegium und den Eltern der Freien Schule Albris darum, den ernstgemeinten Versuch zu ermöglichen, die ursprünglichen sozialen und pädagogischen Intentionen Rudolf Steiners in die Tat umzusetzen. Die Freie Schule Albris versteht sich als ein solcher Versuch – so gewagt es auch klingen mag.

Sigurd Böhm kann, so meinen wir, die anthroposophischen Grundlagen der Erziehungskunst Rudolf Steiners denen vermitteln, die ihre Bedeutung in freier Weise anerkennen können. Die Freie Schule Albris ist selber eine Gründung des Studienkreises. Der Studienkreis wiederum ist das Lebenswerk Sigurd Böhms. Seit 1959 ist die Entwicklung des Studienkreises und der Freien Schule Albris von der Biographie ihres Gründers nicht mehr zu trennen.

Am Freitag, den 8. Februar 2013, ist
SIGURD BÖHM
*19.11.1923
Gründer der Freien Schule Albris
und Leiter des Studienkreises
der Anthroposophie und sozialen Baukunst Rudolf Steiners
über die Schwelle des Todes geschritten.

... mehr

 

Weiter: Der Studienkreis und die Freie Schule Albris

Drucken Drucken