Der Studienkreis der Anthroposophie
und Sozialen Baukunst Rudolf Steiners
(Leitung: Sigurd Böhm)


Der Studienkreis und die Freie Schule Albris

Die Freie Schule Albris nennt sich ‹Freie Schule des Menschen in der Erziehungskunst Rudolf Steiners›. Rudolf Steiner (1861-1925) ist der Begründer einer Wissenschaft des menschlichen Bewusstseins, die er 1912 Anthroposophie genannt hat. Der Name bedeutet: Das volle Bewusstsein der ganzen Menschenwesenheit. Dies soll kurz erläutert werden. Wer die Arbeit des Studienkreis kennenlernen will, ist eingeladen, an den öffentlichen Tagungen in Albris teilzunehmen.

Der Mensch ist sich zunächst seiner eigenen Wesenheit nicht voll bewusst. Er sagt ‹Ich› und weiß nicht, was er sagt und wie das zustande kommt. Eben davon aber handelt die Anthroposophie Rudolf Steiners. Nur von dem Phänomen des ‹Ich›-Sagens aus erschließt sich, so die Auffassung Böhms, dem zeitgenössischen Bewusstsein die Bedeutung und die Methode anthroposophischer Geisteswissenschaft.

Das ‹Ich›-Problem drückt sich in der Tatsache aus, dass der Mensch sich selbst in diversen Wissenschaftsrichtungen wie Anthropologie, Soziologie, Philosophie und so weiter zum Gegenstand einer Erkenntnisbemühung machen muss. Was diese Wissenschaften als Forschungsresultate über den Menschen hervorbringen, ist in steter Entwicklung und Erweiterung. Dabei ist der Forschende aber der Mensch selber. Das Forschungsobjekt Mensch ist somit zugleich das forschende Subjekt. Damit muss man die Frage nach dem Menschen selbst vorrangig als eine Frage an das menschliche Bewusstsein auffassen.  Der Wissenschafter und Philosoph wird anerkennen: Das wesentliche Unterscheidungsmerkmal des Menschen gegenüber dem Tierreich ist eben sein Bewusstsein, dem die Welt und es selbst zu einem Rätsel wird. Jede wissenschaftliche Bemühung erfordert, von dem Bewusstseins-Problem aus betrachtet, zugleich Aufklärung des Bewusstseins über sich selbst. Wer das Bewusstsein erforschen will, muss sein Forschungsobjekt klar ‹vor Augen› haben. Der Forderung, das Bewusstsein, welches sich forschend betätigt, selber zu erforschen, möchte die Anthroposophie Rudolf Steiners auf ihre Art Mittel bereitstellen. Die Anthroposophie Rudolf Steiners macht dazu dieses Bewusstseins-Rätsel selbst zu ihrem Beobachtungsobjekt. Nach streng naturwissenschaftlicher Methode, angepasst an das seelische Beobachtungsgebiet, untersucht Rudolf Steiner die subjektiven Phänomene des menschlichen Bewusstseins und stellt sie – seiner Auffassung nach – so dar, dass bei genügender Gedankenanstrengung gegenüber seinen Forschungsergebnissen dieses Bewusstsein sich selbst zum Gegenstand wissenschaftlicher Beobachtung werden kann.

Im Studienkreis der Anthroposophie und sozialen Baukunst Rudolf Steiners wird der Versuch gemacht, interessierten Persönlichkeiten die anthroposophischen Forschungs-Mittel nach ihrer Eigenart und Anwendung darzustellen und mit ihnen in anfänglicher Weise umgehen zu lernen. Das ist zugleich eine pädagogische Aufgabenstellung.
Wenn also die Entwicklung des Menschen auch und vor allem als eine Entwicklung seines Bewusstseins angesehen werden muss, so ergibt sich daraus die Notwendigkeit einer Bewusstseins-Pädagogik. Pädagogik ist ja immer zuerst eine Entwicklungshilfe für das ‹Ich›-Bewusstsein. Sofern das menschliche Bewusstsein sich zunächst im Leibe entfaltet und an die leibliche Entwicklung gebunden ist, gehört die Pflege der Leiblichkeit des werdenden Menschen zur pädagogischen Aufgabenstellung.
Die Erziehungskunst Rudolf Steiners versteht sich als eine Möglichkeit, dem sich selbst entwickelnde ‹Ich› Hindernisse aus dem Wege zu räumen oder sie in ihrer Wirksamkeit zumindest zu beschränken. Zu diesen Hindernissen gehört vieles, was die gegenwärtige Zivilisation als technische Errungenschaften feiert. Ebenso muss alles das als Hindernis betrachtet werden, was die alten Weltanschauungsmächte dem werdenden Bewusstsein als unhinterfragbare Denk- und Empfindungsgewohnheit gern einpflanzen möchten.

Um diese Zusammenhänge und die Wirkungsweise der Erziehungskunst zu durchschauen und die Möglichkeit einer Erziehung und Selbsterziehung in Freiheit zu verwirklichen, bedarf es aber einer Wissenschaft von den Entwicklungsbedingungen der menschlichen ‹Ich›-Wesenheit. Die anthroposophische Geisteswissenschaft Rudolf Steiners beansprucht, eine solche Wissenschaft zu ermöglichen. Der Studienkreis will diese Wissenschaft in seiner Arbeit entwickeln und verfügbar machen. Sie fordert zu ihrer Anwendung zugleich jene Kunst des Erziehens. ‹Kunst› besagt hier, dass das Subjekt und das Objekt der Handlung dasselbe ist, und dass diese Identität erfahrbar ist und entwickelt werden kann. In der recht verstandenen menschlichen Begegnung tritt ein ‹Ich› dem anderen ‹Ich› frei gegenüber, und kann die Bedingungen des ‹Ich›-Sagens dabei künstlerisch erfahren  und betätigen. Subjekt und Objekt der Erziehungskunst Rudolf Steiners sind so zwar identisch, aber noch nicht vollendet. Insofern ist die Erziehungskunst Rudolf Steiners eine Bewusstseins-Kunst, in der das Bewusstsein des Menschen sich selber schafft und entwickelt.

Im Studienkreis geht es vor allem darum, die Bedingungen der ‹Ich›-Entwicklung verstehen zu lernen. Dies ist nicht durch eine Belehrung möglich, sondern nur dadurch, dass der interessierte Teilnehmer sich als ‹Ich› dem anderen lebendigen ‹Ich› lebendig und stark gegenüberstellt und die dabei eintretenden Erfahrungen denkend durchdringt. Diese grundlegende anthroposophische Methode ist heute bei vielen Menschen der Anlass wenigstens zu anfänglichen Missverständnissen. Die Methode, die im Studienkreis vermittelt wird, setzt die Bereitschaft voraus, sich dem Lehrenden unbefangen so gegenüberzustellen, dass man sich als Lernender selber sagen lernt, was der eigentliche ‹Inhalt› der Darstellungen ist. Insofern gibt es im Studienkreis keinen Lehrinhalt, der abgelöst von dem Lernprozess bestünde. Missverständnisse entstehen, wenn man der Meinung huldigt, der Studienkreis müsse einen Inhalt geben, der vom Lehrer in das Bewusstsein des Lernenden übergehen könne, ohne durch eine intensive Auseinandersetzung mit dem Lernprozess erst echte Selbsterfahrung zu werden. Anlass zu diesem Missverständnis ist oft, dass man heute gerne einen Inhalt für das eigene Bewusstseins haben will, der einem ohne ernste geistige Arbeit zufällt. Da sich solche unberechtigte Erwartungen im Studienkreis aber nicht erfüllen können, tritt bald Enttäuschung ein. Diese Enttäuschung kann unter Umständen ein wichtiger Schritt auf dem Wege werden, die Bedingungen des Ich-Bewusstseins zu erfassen.

Gegenstand der enttäuschten Hoffnungen ist häufig der Lehrende im Studienkreis, Sigurd Böhm. (Siehe auch: Meinungen über die Freie Schule Albris) Er ‹liefert› eben nicht, was man sich, in dem Missverständnis  befangen, erwartet. Wer die Arbeit im Studienkreis über längere Zeit kennengelernt hat, kann seine Erwartungen aber selbst korrigieren. Deshalb ist der Studienkreis darauf angewiesen, dass das Interesse an der von ihm angebotenen geistigen Arbeit sich in dieser Arbeit selbst versteht und bewährt. Insofern handelt es sich um eine Bildungs-Einrichtung, die gewisse Voraussetzungen für die Teilnahme geltend machen muss. Über die öffentlichen Veranstaltungen kann man den Studienkreis kennenlernen. Zeigt sich tieferes Interesse, werden die internen Veranstaltungen zugänglich. Keinerlei Mitgliedschaft und daran geknüpfte Verpflichtungen sind damit verbunden. Allerdings bedarf es eines sich stetig vertiefenden Lernwillens, um den gegebenen Darstellungen wirklich folgen zu können. Wer diesen nicht in sich entwickelt, wird sich alsbald vom Studienkreis wieder abwenden. Wer aber ein solches eigenes Lern-Interesse entwickelt, wird sich über die Bedeutung der geistigen Arbeit im Studienkreis nach und nach klar werden, und dann vielleicht bereit sein, auch soziale Verantwortung zu tragen. Diese Verantwortung betrifft die Freie Schule Albris, die aus dem Studienkreis hervorgegangen ist.


Das philosophische Hauptwerk Rudolf Steiners (1894) hat den Titel «Die Philosophie der Freiheit. Grundzüge einer modernen Weltanschauung. Seelische Beobachtungsresultate nach naturwissenschaftlicher Methode.»

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