Das Gelände Albris und die Freie Schule Albris


2011, mehr als 37 Jahre, nachdem das Volkspädagogikum Albris im Allgäu seine Wirksamkeit begonnen hat, war es an der Zeit, dass die Freie Schule Albris sich konkret und tatkräftig sich ihr eigenes Haus bauen kann und muss. Dabei geht es nicht darum, irgendwo irgendein als Schulgelände ausgewiesenes Areal auf irgendeine Art und Weise zu bebauen. Zunächst wurde Jahre lang der notwendige Schulbau in solchem Sinne von uns angestrebt. Er kann aber so, wie sich gezeigt hat, nicht verwirklicht werden. Hindernisse aller möglichen Art stellten sich diesem Missverständnis – so müssen wir heute sagen – entgegen.

Als die Freie Waldorfschule in Stuttgart 1938 von den Nationalsozialisten verboten und geschlossen wurde, gaben sich drei Schüler der damaligen 8. Klasse aus Liebe zu ihrer Schule das Versprechen, später alles zu tun, damit aus diesem Untergang ein Neu-Aufgang komme. Zwei gingen auf dem Schlachtfeld des Weltkrieges durch den Tod. Der Dritte kam in den späten Kriegswirren ins Allgäu: Sigurd Böhm. Er hat das Volkspädagogikum Albris 1974 begründet. Und erst viele Jahre später, 1998, entdeckte er, dass er damals von einem bestimmten, ganz unscheinbaren Gelände – ‹Albris› bei Buchenberg –, das er schon mehrmals durchwandert hatte, auf eine künstlerische Art angesprochen worden war. Er fühlte sich veranlasst, das Gelände in mehreren Zeichnungen zu studieren.

Diese damals sumpfige, hügelige Viehweide ist in eine ansprechende Lage eingebettet zwischen den aus dem Süden herübergrüßenden Alpen und der tiefen Weite der von menschlichen Ansiedlungen geprägten schwäbischen Hochebene bis hin nach Ulm. Luftansicht Albris

Auf der Suche nach einem Schulgelände war diese 16 Hektar große Viehweide bereits in den frühen 90er Jahren – damals der Freien Waldorfschule Kempten als Vorläufer der Freien Schule Albris  – angeboten worden. Man sagte sich sogleich: «Zu groß, nicht erschlossen, zu weit draußen! Kommt nicht in Frage!» Aber genau diese Merkmale für die einstige Ablehnung wurden in einer Stunde der Besinnung auf die Ursachen der unüberwindlichen Hindernisse einer ‹gewohnten› Lösung der Baufrage als Vorteile erkannt. Zu weit draußen? Nein, sondern gerade weit genug weg von der ‹Allgäu-Metropole› Kempten, um ein eigenes Zentrum werden zu können. Nicht erschlossen? Ja, dann machen wir die Erschließung eben selbst, von Grund auf, und nach den eigenen Gesichtspunkten für eine Landschaftsgestaltung. Und zu groß? Heute schon zeigt sich, dass die 16 Hektare auf Dauer nicht ausreichen. Denn was in Albris werden will, erweist sich Schritt für Schritt als eine Sache, die mehr will als bloß ein Gelände für die gewohnte ‹Schule› zu sein.

Der neue See wird bepflanztAm Tag der großen Sonnenfinsternis, am 11. August 1999 mittags, wurde auf dem Hügel der Sumpfweide Albris der Grundstein für das Projekt ‹Freie Schule Albris› gelegt. So wurde in dieser Stunde von den Anwesenden zugleich das gewöhnliche Verständnis von ‹Schule› samt den üblichen Vorstellungen, worum es da gehe, beerdigt. – Auf dem versenkten Grundstein war der Schriftzug ‹Freie Waldorfschule Kempten› zu lesen. In den folgenden Jahren wurde nicht etwa gleich eine Schule gebaut; sondern es wurde alles getan, um diesen Ort mit künstlerischem Sinn zu erforschen, um ihm nach und nach jene Gestalt zu geben, die in den natürlichen Gegebenheiten bloß angedeutet erschien, dass sichtbar werde, was das Wesen dieses Geländes ist. Kulturarbeit am Boden war (und ist) angesagt. Und da diese Arbeit von allen Beteiligten, den Lehrern, den Schülern und den Eltern und Freunden der damaligen Freien Waldorfschule Kempten, als volkspädagogische Initiative verstanden, ausgeführt werden wollte, wurden einige Hilfsgebäude errichtet, von denen aus die Schüler mit ihren Lehrern und den Eltern und Freunden ihre Arbeit sinnvoll verrichten und betrachten konnten. Entwässerung durch Anlegen eines Baches, der die versumpften Quellen freimacht, Anlage von Wegen und Plätzen, Pflanzungen von Büschen und Bäumen, und schließlich die Verwirklichung des Traums eines Erstklässlers während jener Sonnenfinsternis: «Da – ich sehe da unten einen See!» Am Fuße des Hügels entstand so 2003 der See von Albris, jetzt längst eingewachsen und von vielen Tierarten bewohnt. [PDF Das See-Projekt 2,5 MB]

Albris ist inzwischen zu einem vielbesuchten Ausflugsziel der Kemptner und Buchenberger Bürger geworden.

Die Holzwerkstatt in PlanungUnd wann wird nun die Schule gebaut? Sie ist bereits im Bau. Sie wächst aus der Landschaft heran. Zunächst wächst sie im Bewusstsein derer, die sie wollen. Denn wie soll man denn überhaupt dazu kommen, eine Schule zu bauen, die demjenigen ganz und gar nicht entsprechen will und kann, was man sich heute unter ‹Schule› vorzustellen gewohnt ist? Die selbstlose (und auch ‹kostspielige›) kulturkünstlerische Entwicklung und Pflege des Albris-Geländes, wo bewusst auf die Verwirklichung der gegebenen Schulbauambitionen verzichtet wurde, wo es nur darum ging, in ein inneres, anschauendes und tätiges Verhältnis zu den Naturgegebenheiten des Geländes zu treten, sie brachte erst die Möglichkeit zustande, die Vorstellungen über die Aufgaben und die Formen eines Baus, der dem Projekt ‹Freie Schule Albris› entspricht, auszubilden. In die konkrete Planung der künftigen Schulgebäude sind die Oberstufenklassen einbezogen. Lehrer und Schüler verhandeln mit den Architekten über die leitenden Prinzipien und die Planungsvorgaben für die Einbettung in das Albris-Gelände, liefern eigene Entwürfe, die dann im Architekturbüro umgesetzt und wieder geändert werden.
Man darf sagen, dass der künftigen Körper der Freien Schule Albris von denen entworfen und entwickelt sein wird, die in ihr zusammenleben. Auch die Kompromisse, die wir eingehen müssen, um die amtlichen Auflagen zu erfüllen, sind hart umkämpft. Neue Wege zu suchen, wie eine Schule nicht bloß einfach gebaut wird, sondern wie sie sich aus ihrem Geist, den Schülern und Lehrern, selbst den Körper schafft, in dem sie einst ihr Leben an diesem Ort entfalten wird – das macht den Schulbau selbst zum pädagogischen Projekt.

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